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Audiovisuelle Poesie

    Jedes Ausleihen eines Begriffes aus einer artfremden Kunstgattung in die eigene kommt einem kleinen Mord gleich. So empfinde ich es als große Erleichterung, daß die modische Verwendung des Begriffs „Kontrapunkt“ in musikfremden Kontexten (nur um eigentlich den schnöden, aber zutreffenden Begriff „Kontrast“ zu meinen), langsam wieder ein Ende gefunden hat. Der Begriff Kontrapunkt ist dabei nicht schadlos geblieben, wurde seine Bedeutung doch eher verwässert denn erweitert. Er beschreibt wirklich nichts anderes als eine strenge mu­sikalische Kompositionstechnik, die das gleichwertige Zusammenklingen unabhängiger Melo­dielinien ermöglicht.
Mit dem Begriff „Poesie“ verhält es sich nicht anders. Immer dann, wenn ein Augenblick, eine Situation oder ein Kunstwerk so weich und zart empfunden wird, daß es kaum in Worte zu fassen scheint, findet er seine Anwendung. Ein kurzer Blick in Google offen­bart „poetische Landschaften“ und „poetische Räume“, „poetische Gärten“ und „poetische Floristik“. Neben den zu erwartenden „poetischen Ölmalereien“ und „poetischen Skulpturen“ finden wir aber auch eine „poetische Urknallmelodie“ und sogar „poetischen Terrorismus“. Und Reiter werden auf die Aufforderung „Frag mich nach der Poesie in der Bewegung, Schönheit, Intel­ligenz und Kraft!“ bereits wissend lächelnd auf ihr Pferd zeigen.

    Ein „echter“ Poet wie Durs Grünbein bewegt sich laut eigener Aussage in einem Dreieck der Interessen: das musikalische Interesse am Klang der Wörter, die linguistische Neugier an deren semantischer Kombinationsfähigkeit und der expressive Drang zur Ausgestaltung der in­neren Bilder. Diese inneren Bilder weichen von der äußeren Welt entscheidend ab: Sie haben nicht das Ziel, eine objektive Realität wiederzugeben, sondern die Welt subjektiv zu reflektieren, sie als Objekt unserer Wahrnehmung im Prozess des Bewußtwerdens erfahrbar zu machen. Dabei muß die Poesie von der sogenannten Realität abweichen, um Zusammenhänge herzustellen, die nicht der gewohnten Perspektive entsprechen. Nur durch diese Irritation wird unser zum Starrsinn neigendes Bewußtsein überlistet und geöffnet. Wir sind nicht mehr in der Lage, unsere vorgefasste und gelernte Meinung auf die Welt anwenden und somit wohl­wollend gezwungen, sie mit neuen, jungen Augen zu sehen.
Dieser Effekt der geöffneten Wahrnehmung ist vermutlich derjenige, den die geneigten Men­schen als „poetisch“ empfinden und diesen Begriff in jeglichen Spielarten dieser Situation anwenden. Dabei ist die Poesie doch eigentlich nur ein Weg, ein Werkzeug unter vielen zum Erreichen dieses Zustandes, nicht das Resultat.

    Wenn die Surrealisten von der „Poesie des Alltags“ sprechen (André Breton) oder von „beabsichtigter“ und „unbeabsichtigter“ Poesie (Paul Éluard), dann sprechen sie von einem poe­tischen Blick. Einem Blick, der die Dinge des Alltags unvoreingenommen in ihrer puren Existenz und Dinglichkeit genießt und sie in Verbindungen stellt, die einem objektiven Blick nicht standhalten würden. Die Dinge werden verrätselt und der Alltag neu entdeckt; das poe­tische daran ist, daß aus den vermeintlich gewöhnlichsten und unpoetischsten Dingen neue Bedeutung gezogen wird. Das Grünbein'sche Dreieck ist übersetzt auch hier zu finden: das bild­nerische Interesse an der Gestalt der Dinge, die verspielte Neugier an ihren semantischen und narrativen Kombinationsmöglichkeiten sowie – und das ist im Surrealismus natürlich das wichtigste – die Ausgestaltung der inneren, vor allem geträumten Bilder. Da sich Savador Dalí von letzterem abwandte und nur die verbleibenden ersten beiden Ecken des Dreiecks in Fließbandproduktion weiterentwickelte, gilt er unter den „Hardcore“-Surrealisten (wie dem tschechischen Filmemacher Jan Svankmajer) als Verräter.

    In meinen Bemühungen, meiner künstlerischen Arbeit einen Gattungsbegriff zuord­nen zu können, bin ich derzeit bei dem Begriff „audiovisuelle Poesie“ angekommen. Audiovisuell ist sie nicht nur, weil sie meist sowohl akustische wie visuelle Elemente enthält, sondern weil diese Elemente auch strukturell und semantisch voneinander abhängen. Pure Untermalung oder Il­lustration versuche ich zu vermeiden.
Poetisch ist sie, weil sie sich im Dreieck des Poeten bewegt: Sie wird bewegt von der mu­sikalisch-bildnerischen Lust am Klang und Objekt an sich (oder dessen medialer Aufzeichnung, wobei diese selbst auch aus lustvollem Verhalten entsteht; was ist schöner, als den Auslöser einer Kamera zu betätigen?), dem Experimentieren mit deren strukturell-formalen Kombina­tionsmöglichkeiten (im Speziellen unrealistische Bild und Ton-Verküpfungen) und dem Wunsch nach Wiedergabe der sub­jektiven Wahrnehmung, der inneren Bilder: der Wünsche, Sehnsüchte, Ängste, Träume und Hoffnungen.

    Man könnte jetzt fragen, warum ich mich nicht gleich einen Surrealisten nenne, aber dazu ist der Respekt doch noch zu gross. Solange begehe ich lieber einen kleinen Mord.


Mathis B. Nitschke
Saas-Fee, Mai 2006


 

Mathis B. Nitschke | mbn@mathis-nitschke.com

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